Scania hat eine der ersten weltweit dokumentierten Vehicle-to-Grid-Demonstrationen (V2G – Rückspeisung von Fahrzeugbatterien ins Stromnetz) für schwere Nutzfahrzeuge abgeschlossen. Das System nutzt den Megawatt Charging Standard (MCS) und überträgt bis zu 750 kW bei 1.000 Ampere in beide Richtungen. MCS-fähige Scania-Lkw sollen ab Mitte 2026 bestellbar sein – ein Zeitpunkt, der mit neuen deutschen Gesetzen für bidirektionales Laden zusammenfällt.
Technik und Leistung
V2G bedeutet: Ein Elektro-Lkw lädt nicht nur, er kann gespeicherte Energie auch zurück ins Netz abgeben. Im Depot steht ein schwerer Lkw oft viele Stunden still – in dieser Zeit lässt sich die Batterie als mobiler Stromspeicher nutzen. Scania betont, dass das System Ladestation und Stromnetz in Echtzeit verknüpft, um Lade- und Entladevorgänge dynamisch zu steuern.
Gegenüber herkömmlichen CCS2-Ladesystemen (Combined Charging System, europäischer Stecker-Standard) bietet MCS deutlich höhere Leistung: Aktuelle Depot-Charger liefern typisch 375 kW per CCS2, MCS verdoppelt das auf 750 kW. Scania und MAN teilen sich dabei dieselbe Batterietechnologie, was eine breitere Kompatibilität erwarten lässt – Details zur Rückwärtskompatibilität mit bestehenden 400-kW-Ladern von Milence oder E.ON hat Scania bislang nicht veröffentlicht.
Regulatorischer Rückenwind aus Deutschland
Der Zeitplan passt zur deutschen Gesetzgebung: Seit dem 1. Januar 2026 werden Elektrofahrzeuge energierechtlich wie stationäre Stromspeicher behandelt. Das vereinfacht die Vermarktung rückgespeister Energie erheblich. Ab dem 1. April 2026 gelten zudem die MiSpeL-Prozessregeln (Mindestanforderungen Speicher-Ladepunkte), die den Netzanschluss bidirektionaler Ladepunkte standardisieren – und damit Aggregator-Modelle ermöglichen, bei denen Flotten als virtuelles Kraftwerk am Regelenergiemarkt teilnehmen.
Der tatsächliche Zugang zum Regelenergiemarkt für Lkw-Flotten ist allerdings noch offen: Experten rechnen frühestens 2027 damit, dass Frequenzregelung und Lastausgleich für Nutzfahrzeugflotten kommerziell zugänglich werden.
Infrastruktur und Flottenmarkt in Deutschland
Die Ladeinfrastruktur wächst: 125 der 170 geplanten E.ON/MAN-Schnellladepunkte für Lkw befinden sich in Deutschland. Das Joint Venture Milence – gegründet von Daimler Truck, Traton und Volvo – plant bis 2027 europaweit 1.700 Hochleistungsladepunkte, darunter erste öffentliche MCS-Korridore ab 2025.
Die Flottengröße, die V2G-Angebote wirtschaftlich trägt, wächst ebenfalls: Laut einer Studie der NOW GmbH sollen bis 2030 rund 57.000 batterie-elektrische Lkw über 12 Tonnen in Deutschland zugelassen sein – gegenüber rund 2.000 im Jahr 2023. Gleichzeitig steigt die durchschnittliche Batteriekapazität: von 300 kWh (2023) auf rund 400 kWh (2025). Größere Puffer bedeuten mehr Netzdienstleistungspotenzial pro Fahrzeug.
Für Flottenbetreiber eröffnet V2G drei Hebel: niedrigere Energiekosten durch Eigennutzung von Solar- und Windstrom, Vermeidung von Lastspitzenentgelten und – perspektivisch – Erlöse aus Regelenergieverträgen. Konkrete ROI-Kalkulationen für den deutschen Depotbetrieb liegen bislang nicht vor; das Geschäftsmodell befindet sich in der Pilotphase. Preise für MCS-fähige Scania-Lkw hat der Hersteller für den deutschen Markt noch nicht kommuniziert.
Quellen: Scania Newsroom (Mai 2026), iwr.de (Nov 2025)