Ryuta Kawashima, Neurowissenschaftler an der Tohoku-Universität und bekannt als Mitentwickler der Nintendo-Serie Brain Age, hat eine Studie veröffentlicht, die das Schaltgetriebe in ein ungewohntes Licht rückt: Wer manuell schaltet, trainiert dabei offenbar sein Gehirn. Die Befunde erscheinen zu einem Zeitpunkt, an dem das manuelle Getriebe auf dem deutschen Markt zunehmend verschwindet.
Was die Studie zeigt
Laut einem Bericht des japanischen Fachportals Best Car Web, übersetzt von Carscoops, aktiviert das Fahren mit Schaltgetriebe den präfrontalen Cortex – jenen Bereich des Gehirns, der für Gedächtnis, Konzentration und Entscheidungsfindung zuständig ist – stärker als das Fahren mit Automatik. Die Begründung: Wer gleichzeitig Verkehr beobachtet, Geschwindigkeit einschätzt, kuppelt, eine Gangstufe wählt und das Gas dosiert, fordert sein Gehirn kontinuierlich heraus. Diese koordinierten Abläufe könnten regelmäßiges Autofahren zu einer Art alltäglichem Kognitionstraining machen.
Kawashima betont dabei ausdrücklich, dass das Schaltgetriebe keinen Schutz vor altersbedingten Hirnveränderungen biete. Es geht allein um eine erhöhte Aktivierung bestimmter Hirnareale während des Fahrens. Die Studie selbst ist nach aktuellem Stand nicht in einem Peer-Review-Journal veröffentlicht; die Methodik und Stichprobengröße bleiben bislang unklar. Die Befunde sollten daher mit entsprechender Vorsicht eingeordnet werden.
Die deutsche Realität: 32 Prozent und fallend
Für den DACH-Markt trifft die Studie einen Nerv. Noch rund 32 Prozent aller in Europa neu zugelassenen Pkw werden mit Schaltgetriebe ausgeliefert, wie Motor1 Deutschland berichtet – mit klarer Abwärtstendenz. Im Bestand sieht es anders aus: Laut einer Umfrage von mobile.de aus April 2025 fahren rund 55 Prozent der Deutschen noch ein Auto mit Handschaltung, und 40 Prozent würden beim nächsten Kauf erneut ein manuelles Getriebe wählen.
Doch die Hersteller steuern in eine andere Richtung. Elektrofahrzeuge kommen bauartbedingt ohne Schaltgetriebe aus. Plug-in-Hybride (PHEV) und Vollhybride bevorzugen aus Effizienzgründen automatische oder stufenlose Getriebe (CVT). Dazu kommt der EU-Beschluss, ab 2035 keine neuen Verbrenner mehr zuzulassen – ein regulatorischer Druck, der das manuelle Getriebe langfristig in die Nische drängt.
Wo die Handschaltung noch zu haben ist
2026 gibt es das Schaltgetriebe hierzulande noch in Sportnischen – etwa beim Porsche 911 Carrera T – sowie bei Budgetmodellen wie dem Dacia Sandero, dem Renault Kangoo oder dem Peugeot 208 in der Einstiegsausstattung. Im Nutzfahrzeugsegment hält es sich ebenfalls. Eine breite Modellpalette mit Handschaltung ist das aber nicht mehr.
Kawashimas Studie fügt der Debatte um das Schaltgetriebe ein unerwartetes Argument hinzu – gerade angesichts einer alternden Bevölkerung, für die kognitive Aktivität im Alltag zunehmend an Bedeutung gewinnt. Ob das die Marktrealität beeinflusst, bleibt jedoch fraglich: Der technologische und regulatorische Druck läuft in die entgegengesetzte Richtung.