Versenkbare Türgriffe gelten als Designmerkmal – doch für Rettungskräfte nach einem Unfall können sie zur gefährlichen Hürde werden. Euro NCAP hat seit 2026 damit begonnen, Fahrzeuge mit solchen Griffen in der Post-Crash-Rettungsbewertung abzuwerten. Ein gesetzliches Verbot gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz noch nicht – doch die internationale Regulierungswelle kommt näher.
Wie groß ist das Sicherheitsproblem?
Die UNECE-Taskforce für den Bereich „Emergency Door Opening" (EDO) empfiehlt, dass versenkbare Türgriffe nach einem Unfall mindestens 60 Minuten lang mechanisch bedienbar bleiben müssen – auch bei totalem Stromausfall und bei thermischen Ereignissen wie Fahrzeugbränden. Hintergrund sind dokumentierte Fälle, in denen Insassen einen Aufprall überlebten, aber im Fahrzeug eingeschlossen blieben, weil die elektrische Türsteuerung ausgefallen war. Für Brandenburg ist ein Todesfall nach einem Tesla-Brand in der Berichterstattung belegt.
ADAC und ÖAMTC haben öffentlich darauf hingewiesen, dass mechanische Notgriffe – sogenannte „Notöffner" – für Ersthelfer häufig schwer auffindbar sind. Ihre Position und Markierung sind nicht standardisiert, was im Einsatz wertvolle Sekunden kostet.
laut Deutschem Presseindex diskutiert das Kraftfahrtbundesamt (KBA) die Empfehlungen der UNECE-Taskforce aktiv, hat aber noch keinen Gesetzentwurf vorgelegt.
Welche Fahrzeuge sind betroffen?
Auf dem deutschen Markt sind unter anderem folgende Modelle mit versenkbaren Türgriffen erhältlich: Tesla Model S und Model X, Mercedes EQE, BMW i7, Ford Mustang Mach-E, Volvo EX60 sowie der Kia EV4. Sie alle könnten bei künftigen Euro-NCAP-Tests schlechtere Gesamtwertungen erhalten – mit direkten Folgen für Flottenverträge und den Wiederverkaufswert.
Internationale Regulierung als Taktgeber
China macht den Anfang: Die Norm GB 48001-2026 schreibt ab dem 1. Januar 2027 vor, dass alle Fahrzeugtüren – außer Heckklappe und Schiebetüren – sowohl von innen als auch von außen mechanisch zu öffnen sein müssen. Für bereits typgenehmigte Fahrzeuge gilt eine Übergangsfrist bis 2029. laut drweb.de gilt diese Regelung als weltweit erste verbindliche Vorschrift dieser Art.
In der EU fehlt eine vergleichbare Regelung noch. Analysten gehen davon aus, dass ein harmonisierter EU-Standard auf Basis der UNECE-Empfehlungen innerhalb von zwei bis drei Jahren folgen könnte – getrieben durch den chinesischen Präzedenzfall und den wachsenden Druck der Euro-NCAP-Methodik.
Was bedeutet das konkret?
Wer heute ein Fahrzeug mit versenkbaren Türgriffen kauft oder least, sollte zwei Punkte im Blick behalten: Erstens sinkt die Sternewertung bei Euro NCAP unter den neuen Bewertungskriterien, was Flottenentscheidungen beeinflussen kann. Zweitens steigt das Risiko, dass Nachrüstpflichten oder veränderte Typgenehmigungen den Restwert mindern, sobald eine EU-Norm in Kraft tritt. Ein unmittelbares Verbot ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht absehbar – aber der Regulierungsdruck wächst spürbar.